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AUFBRUCHSTIMMUNG IN FRANKREICH?

2017 – Ein Schicksalsjahr für die EU

Nach den Wahlüberraschungen des Brexit-Referendums und der US-Präsidentschaft im vergangenen Jahr legen die Kapitalmärkte nun ihren Fokus auf die anstehenden Wahlen in der Eurozone. Dabei schauen besorgte Anleger insbesondere auf die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, da mit Marine Le Pen, eine ausgesprochene Gegnerin der Europäischen Union, in aktuellen Umfragen den höchsten Zuspruch erhält. Die zentrale Rolle Frankreichs für die EU ist unbestritten, daher dürften im Falle einer Wahl von Marine Le Pen die Folgewirkungen für die Kapitalmärkte deutlich schwerer wiegen als beim Brexit-Votum.  

 

Risikoprämie steigt im Vorfeld der Wahl

Entsprechend ist im Vorfeld der Präsidentschaftswahl am 23. April (erster Wahlgang) die Risikoprämie für französische Staatsanleihen seit Jahresbeginn bereits deutlich angestiegen. Nachdem die Rendite von OATs mit 10 Jahren Laufzeit noch im 4.Quartal letzten Jahres bei 0,1 % lag, notiert diese aktuell bei 0,9 %, und dies trotz der Anleiheaufkäufe der EZB. Noch deutlicher wird die Risikoaversion an der Entwicklung der Zinsdifferenz französischer Schuldtitel im Vergleich zu Bundesanleihen. Der Zinsaufschlag zu den Vergleichsanleihen hat sich von 25 Basispunkten zu Jahresbeginn auf nunmehr 70 Basispunkte ausgeweitet. Abgesehen von der Hochphase der Euroschuldenkrise im Jahr 2011 ist der aktuelle Risikozuschlag der höchste seit dem Jahr 1995. Im Durchschnitt der vergangenen 25 Jahre lag diese Zinsdifferenz bei 39 Basispunkten. Das Stimmungsbild für Frankreich hat sich somit an den Börsen deutlich eingetrübt.

Macron vs. Fillon 

Die Wahrnehmung des Kapitalmarktes erscheint derzeit jedoch recht einseitig. Betrachtet man die weiteren aussichtsreichen Kandidaten auf die Präsidentschaft, könnten mit ihrer Wahl für Frankreich langersehnte  Strukturreformen bevorstehen. So treten zwei Kandidaten, Francois Fillon von den Republikanern und der unabhängige Emmanuel Macron (En Marche!), zum Beispiel für deutlich flexiblere Arbeitsmärkte an. Aus Anlegersicht entsteht somit ein binäres Ereignis. Der Unsicherheit um die Eurozone steht eine Chance auf eine Art „Agenda 2010“ in Frankreich gegenüber. Nachdem in Deutschland die Produktivitätsgewinne schrittweise eingebüßt werden, könnte womöglich mit einem politischen Umschwung die volkswirtschaftliche Führungsrolle in Europa auf Frankreich übergehen.

Auf Basis der aktuellen Umfragen dürfte Macron als wahrscheinlichster Gegenkandidat in der Stichwahl am 07. Mai auf Le Pen von der Front National stoßen. Der 39jährige ehemalige Wirtschaftsminister dürfte mit der zusätzlichen Unterstützung von Francois Bayrou einen sehr breiten Wählerkreis ansprechen. Im Gegensatz zu Fillon, und das nicht nur aufgrund des „Penelope-Skandals“, wird Macron per se nicht als Teil des „alten“ politischen Establishments verstanden. Soweit bis dato bekannt, ist das Wahlprogramm von Macron deutlich gemäßigter als das der Republikaner, was ihm in einem zweiten Wahlgang die Aussicht auf die Stimmen der Linken ermöglicht. So möchte Fillon die Vermögenssteuer und die 35 Stundenwoche abschaffen, wogegen Macron die Besteuerung von Vermögen reduzieren und die Arbeitszeit flexibler gestalten würde. Teilweise erinnert die Agenda von Macron an die Politik der skandinavischen Länder.

Die Perspektive auf einen Wahlerfolg von Le Pen im direkten Stechen ist nach unserer Einschätzung gegen Macron deutlich geringer zu gewichten, statt wie im Dezember erwartet, gegen Fillon. Zudem bleibt abzuwarten in wieweit die Ankündigungen um eine Schwächung der EU von Marine Le Pen umgesetzt werden können. Die Mehrheit der Nationalversammlung dürfte diese Pläne blockieren.    

Mit dem wachsenden Zuspruch in den Umfragen für Macron und dem negativen Sentiment an den Anleihemärkten ist das Chance-Risiko-Profil für französische Staatsanleihen wieder als attraktiv einzuschätzen. Aus der relativen Perspektive zu Bundesanleihen erscheint der Risikospread die Unsicherheit um die französische Präsidentschaft derzeit ausreichend zu eskomptieren. In der 2. Jahreshälfte wird ggf. die Unsicherheit um eine politische Neuordnung auf Deutschland übergehen. 

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